Bo

Frank Schliedermann

Dieser Nieselregen nervt. Wie eine eiserne Glocke hängt er über dem Tag. Seine winzigen Tropfen hinterlassen feine graue Schlieren an den Fensterscheiben, das provisorische Licht tränkt die Vorhänge schon am frühen Morgen in diese poröse Tristesse. Immerhin, es ist Samstag! Auch wenn ich den Unterschied kaum noch spüre. Ein Tag ist wie der andere für mich, eine zähe Masse, bleischwer und konturlos. Was draußen auf der Straße passiert, in der Agentur oder bei Instagram, das geht mich alles nichts mehr an.

Das obligatorische Durcheinander in Bos Zimmer erscheint harmlos und vertraut, geradezu lächerlich im Vergleich zu dem Chaos in meinem Kopf. Wahllos zupfe ich einige Kleidungsstücke aus dem riesigen Berg auf Bos Sessel, der einzigen Sitzgelegenheit für ungebetene Gäste wie mich. Gern würde ich für ein bisschen Ordnung sorgen, das kleine Chaos im Großen wieder in den Griff bekommen, um nicht völlig die Kontrolle zu verlieren.

„Soll das gewaschen werden?“

„Mama!“

Chaos, behauptet Silke, entstehe erst, wenn man Probleme verschleppt, bis sie sich vor dir auftürmen und um ein Vielfaches größer erscheinen.

„Geh deine Baustellen direkt an, dann lösen sich viele Probleme in Luft auf.“ Keine Ahnung, woher sie das hat. Wo stehen all diese Sätze, die einem immer sofort einleuchten? Um ein Haar hätte ich Bo von Silkes Chaostheorie erzählt, ihn genötigt, diesen Saustall hier endlich mal aufzuräumen. Und das nachdem er heute Morgen ein Weinglas direkt neben seinem Bett entdeckt hat. Ich muss es nachts dort vergessen haben. Gibt so Tage.

Mit einem zerknüllten T-Shirt in der Hand blicke ich über sein Bett hinweg aus dem Fenster, in die Prärie dieses endlosen Tages und wiederhole, was Anatol oft gesagt hat, in Momenten wie diesen, wenn ihm das Leben zum Hals heraushing, wenn er morgens, nachdem die Kinder mit viel Getöse das Haus verlassen hatten, schlecht gelaunt aus dem Küchenfenster starrte, kurz bevor ich zur Arbeit ging und er sich wieder ins Bett legte.

„Wenigstens haben wir es warm.“

Bo tippt auf seinem Handy herum. Zweifellos ist es eines der größten Verdienste des Mobilfunkzeitalters, dass sich niemand mehr genötigt sieht, auf jeden Scheiß zu antworten.

„Sorry, hast du was gesagt?“

Ja. Wenigstens haben wir es warm.

Bo sieht mich ausdruckslos an.

„Was du heute vorhast?“, will ich wissen.

„Nichts Besonders. Weitermachen.“ Mit einer Kopfbewegung deutet er auf den Steinbruch inmitten seines Zimmers. Vor Kurzem hat er damit begonnen, sein Lego zu verkaufen – Chima, Star Wars, Ninjago – all das Zeug, das sich seit Jahren in seinen Schränken stapelt. Seit er mit seinem Vater auf einem Flohmarkt war und weiß, wie viel dieser Krempel wert ist, verbringt Bo seine Nachmittage damit, eine Art Inventur seiner Kindheit zu machen. Bastkörbeweise kippt er die kleinen bunten Steine auf dem Fußboden aus und sortiert sie nach Farben, nach Themenwelten, schließlich nach Sets, ehe er diese in Gefrierbeutel verpackt und sorgfältig beschriftet: Lloyds Goldener Drache, Lavals Feuerlöwe, Craggers Croc-Boot Zentrale. Himmel, ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal diesen beknackten Namen hörte, kurz vor Beginn einer Podiumsdiskussion auf der re:publica. Anatol war ganz außer Atem: „Croc-Boot, mit C! Das Scheißding ist überall ausverkauft.“ Was für einen Aufstand er deswegen gemacht hat. Jetzt zögert Bo keine Sekunde, als er den Druckverschluss des Klarsichtbeutels zuzieht. Vollständige Sets erzielen astronomische Preise. Die letzten Tage der Kindheit, sie haben endgültig begonnen. Das Vakuum der vergangenen Monate, es füllt sich wieder, mit neuen Wünschen. Bo möchte ein iPhone haben. Für Erinnerungen ist da kein Platz mehr. Bo will das Zeug so schnell wie möglich loswerden. Teenagerlogik. Unerbittlich. Zwingend. „Eine Win-Win-Situation, verstehst du, Mama?“

Zu meiner Überraschung hat Bo nichts dagegen, dass ich ihm Gesellschaft leiste. Geduldig lasse ich mir erklären, welche Teile wo fehlen und worauf ich zu achten habe. Richtig ernst zu nehmen, scheint er mein Interesse nicht. Er hat es noch immer nicht ganz begriffen, dass mein Telefon nicht mehr alle fünf Minuten piept oder klingelt, dass ich nicht mehr ständig aufstehe und zum Telefonieren in die Küche gehe, um die letzten Details einer Präsentation zu besprechen, um mein Team zu motivieren, den ganzen Samstag in der Agentur zu verbringen, um „die letzten fünf Prozent herauszuholen.“

Stoisch vergleiche ich Steine, Räder und Scharniere mit den Abbildungen in der Bauanleitung, die wir uns extra heruntergeladen haben.

„Wie wäre es mit Musik?“, frage ich nach einer Weile. Bo verzieht das Gesicht. Er höre nur noch Deutschrap, sagt er.

„Na und?“

Es dauert, ehe die ersten Beats aus seiner Bluetoothbox ertönen. Er legt extra eine Playlist an, will mich beeindrucken, indem er mir möglichst krasses Zeug vorspielt: Harte Jungs, auch ein paar harte Mädchen. Ob sie ahnen, dass einige ihrer Fans noch knietief im eigenen Spielzeug stecken, während sie von Koks, Schwänzen und sozialer Ungerechtigkeit rappen? Mein 13-jähriger Sohn findet das real – was soll er auch sonst tun? Um sich für mein überhebliches Interesse zu revanchieren, bezeichnet er meine Anspieltipps, diese ganze Hip-Hop-Besserwisserei, als „Schlager.“ Schweigend widmen wir uns wieder unserer eigentlichen Aufgabe.

Wie konzentriert er ist! Staunend beobachte ich, wie Bo jedes x-beliebige Teil sofort identifiziert und es irgendeinem Roboter, einer Festung oder einem der anderen Gerippe um uns herum zuordnen kann. Ich beginne, einige besonders unscheinbare Steine herauszulegen, um meinen offenbar inselbegabten Sohn zu testen. Wir kommen gut voran. Der Haufen vor uns wird dennoch kaum kleiner. Wie zwei riesige Schaufeln vergräbt Bo seine Hände darin, schichtet um, zerteilt das Meer aus Steinen in viele kleinere Meere, in die wir vorsichtig unsere Finger tauchen, deren Oberfläche wir sorgfältig glatt streichen wie die Glasur auf einem Kuchen. Ein erstaunlich angenehmes Geräusch, beruhigend, wie das Klimpern einer Perlenkette, nur therapeutischer, wie das Knistern eines Tablettenblisters, dazu die Stimme eines jungen Oberarztes mit gepflegten Fingernägeln. Mir ist, als könnte ich das alles immer deutlicher hören, während die Musik, dir mir anfangs viel zu laut war, mehr und mehr in den Hintergrund rückt. Dieses polymere Rascheln, mit dem ich Schicht für Schicht freilege, berührt etwas, das so tief in meinen Knochen steckt, dass ich gar nicht wusste, dass es da ist. Bilde ich mir das bloß ein? Dieses Kribbeln im Nacken, unter dem Haar? Wie eine unsichtbare Hand, die über meinen Hinterkopf streicht. Ich muss an ASMR denken, auch wenn der Hype schon eine Weile vorbei ist. Damals haben Robs und ich uns Nächte lang irgendwelche Youtube-Videos reingezogen: Haare kämmen, Haare waschen, Haare schneiden – wir hatten vor, eine Kampagne für ein Shampoo daraus machen, mit Lena Meyer-Landrut als luzide flüsterndes Testimonial – aber nichts davon hatte die in unzähligen Foren heiß diskutierte Wirkung auf mich. Das konnten wir unmöglich dem Kunden präsentieren. Jene hypnotischen Schauer, von denen mir Robs damals hysterisch vorgeschwärmt hatte, die sich bei ihm angeblich schon beim Anblick einer Haarbürste ankündigten – sie lassen sich unmöglich in einer Powerpoint-Präsentation erklären.

Ich bin jetzt nicht mehr ganz bei der Sache. Während Bo immer ungeduldiger wird, lasse ich mich ungeniert triggern, versuche herauszufinden, welche Steine, welche Streichrichtung das Gefühl noch weiter verstärken. Verliere ich langsam den Verstand? Werde ich empfänglicher für Hokuspokus, weil ich vergessen habe, wie das ist? Berührt zu werden?

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Die Geschichte einer geschiedenen Mutter. Das Ringen um Zugang zu ihrem pubertierenden Sohn, der plötzlich seinen Vater braucht.
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Frank Schliedermann

(Jg. 1973) arbeitete viele Jahre als Werbetexter für Autos, Deos, Motorsägen und Haarwuchsmittel, ehe er begonnen hat, Kurzgeschichten zu schreiben. Seitdem wurden mehrere seiner Texte in Anthologien veröffentlicht sowie bei Wettbewerben prämiert. Er lebt in Hamburg, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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