Der stete Anstieg

Kerstin Meixner

Die Sichtbarmachung der Frau fand für meinen Großvater immer dann statt, wenn wir im Sommer in den österreichischen Bergen zu Mittag in einer Hütte einkehrten und er sich eine Brühwurst mit Krautsalat bestellte. Dann betrachtete er den Teller, den die Kellnerin – die er konsequent als Fräulein bezeichnete, was die Entspannung meiner Mutter bereits merklich schmälerte – ihm brachte mit beinahe methodischer Genauigkeit, drehte ihn so, dass die dicke Brühwurst darauf vertikal vor ihm lag und führte von ihrer Spitze bis zu ihrem Ende drei eng beieinanderliegende Schnitte aus, wobei der mittige um einige Zentimeter länger und tiefer war, als die beiden äußeren. Die Missbilligung meiner Mutter war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr zu übersehen und meine Schwester und ich, die die Situation nicht verstanden, vermuteten unabhängig voneinander, wie wir später herausfanden, dass ihre Unzufriedenheit damit zu tun hatte, dass mein Großvater seine eigene Regel, dass man nicht mit Essen spiele, vor unseren Augen brach, denn wir wussten, wie wichtig ihr Konsequenz in der Erziehung war. Nachdem er das Schneiden beendet hatte, drückte mein Großvater die beiden äußeren Schnittlinien auseinander und verteilte mit der Messerspitze großzügig Ketchup aus dem kleinen Tütchen, das das Fräulein mitgeliefert hatte, in diesen. Die rote, dickflüssige Tomatensauce quoll oben leicht nach links und rechts fließend über die Spalten hinaus und zufrieden ließ mein Großvater sie mehrfach hintereinander ein schmatzendes Geräusch machen, indem er die Wurst an beiden Seiten in kurzen Abständen zusammendrückte. Wir saßen daneben und waren begeistert, denn niemals hätten wir uns getraut, mit Bratensauce zu Hause dasselbe zu tun. Nachdem er den Ketchup zu seiner Zufriedenheit verteilt hatte, widmete mein Großvater sich dem Krautsalat. Mit Gabel und Messer hob er diesen vom Teller und drapierte ihn gleichmäßig zu beiden Seiten um die eingeschnittene Brühwurst, wobei er sie, wie zur Auflockerung, ein paar Mal leicht mit dem Besteck in die Luft warf. Genüsslich betrachtete er im Anschluss das fertige Machwerk. „Ah“, seufzte er zufrieden, „der Spalt einer Bäuerin. Das haben der Hermann und ich früher immer so gemacht, wenn wir zusammen unterwegs waren.“ Die Missbilligung meiner Mutter war in der Zwischenzeit in offene Ablehnung umgeschlagen. „Ich bitte dich, Vater“, sagte sie mit Nachdruck, „wir sind nicht der Hermann und selbst, wenn wir der Herrmann wären, würde es sich nicht gehören.“ Meine Schwester und ich saßen daneben, wussten nicht, was mit dem seltsamen Titel gemeint war, den mein Großvater seinem Werk gegeben hatte und erfuhren auch nie, wer dieser Hermann sein sollte, denn seit dem Tod unserer Großmutter verbrachte ihr Mann seine Zeit stets alleine oder mit uns. Auch der Urheber der gespaltenen Bäuerin selbst, wie wir Opas Kunstwerk in diesen Jahren untereinander nannten, weil es uns in unserem kindlichen Vorstellungsvermögen am wahrscheinlichsten erschien, dass jemand die arme Frau in der Mitte durchgeschlagen hatte, saß vor seinem Teller und schien nicht zu begreifen, warum seine Tochter ihn für diesen kleinen Spaß so scharf kritisierte. „Es ist doch nur“, begann er, „wir haben doch immer… Es ist doch nur ein Scherz, bei dem sich niemand etwas denkt.“ Meine Mutter schüttelte schweigend den Kopf und forderte uns dann auf, unsere Pommes frites zu essen, bevor sie kalt würden und ich erinnere mich noch an den Wunsch, den Ketchup, den ich bereits aus dem Tütchen auf den kleinen Kartoffelberg gepresst hatte, ebenso ein schmatzendes Geräusch von sich geben lassen zu können, wie es zuvor mein Großvater mit seinem getan hatte, nur damit dieser nicht so allein in der Kritik stünde. Ich traute mich jedoch nie.

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Ein alter weißer Mann mit Tochter und Enkelinnen beim Bergsteigen. Da geht es um die Wurst.
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Kerstin Meixner

Geboren 1980 in Wuppertal, ist immer noch dort wohnhaft. Abitur und Beginn des Studiums der Germanistik, Geschichtswissenschaft und Philosophie an der Bergischen Universität Wuppertal im Jahr 1999. Seit 2003 Arbeit als freiberufliche Nachhilfelehrerin für Deutsch und Mathematik. Veröffentlichungen von Kurzgeschichten in verschiedenen Literaturzeitschriften, u.a. PS- Politisch Schreiben. Anmerkungen zum Literaturbetrieb #3, Mosaik #24, Ausreißer #84, Karussell #10 sowie KLiteratur #1 und #3. Im November 2018 dritter Platz beim österreichischen Kurzgeschichtenwettbewerb zeilen.lauf mit der Kurzgeschichte Durch die Wand.

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