Undine

Victoria Hohmann

Der Wind hatte gedreht und blies vom Festland auf die matte Fläche der See. Der Tag näherte sich seinem Ende. Die Frau zog den Schal enger um die Schultern. Sie blickte aufs Meer. Ihre Augen tasteten den Horizont ab, an dem sich kein Zeichen zeigte: kein Schiff, kein Boot, kein Riss in der Wolkendecke. Hinterrücks zwang die Dämmerung den Tag in die Knie. Die Frau hatte sich alles ganz anders vorgestellt: die Ankunft, das Meer, den Himmel. Etwas Strahlendes war ihr vorgeschwebt, doch kein Licht verzauberte die Welt zum Guten.

Zwei Stunden waren vergangen, seit sie im Hotel eingecheckt hatte. Nach einem Instantkaffee auf dem Zimmer und einem raschen Zurechtmachen war sie an den Strand geeilt, als erwarte sie dort jemand – doch nur das Meer war dagewesen. Den Zimmerschlüssel hatte sie nicht an der Rezeption abgegeben, wie ein Hinweisschild in der Hotellobby empfahl, sondern in ihre Handtasche gesteckt. Auf der Strandpromenade vor dem Hotel hatte sie festgestellt, wie gut es ihr tat, den Schlüssel mit der schwarzen 24 in ihrer Tasche zu wissen. Auf dem nächstgelegenen Holzsteg durch die Dünen hatte sie sich der See genähert. Wie ein Schulmädchen auf dem Weg zum ersten Rendezvous. Trübe war ihr das Meer entgegengekommen. Längst nicht so kraftvoll und weit, wie sie es in Erinnerung gehabt hatte. Die Frau hatte ihre Enttäuschung nicht verbergen können. Sie hatte tief durchgeatmet und die Augen geschlossen. Da hatte das Meer zu ihr gesprochen. Leise, ein Raunen nur, doch deutlich genug, um Hoffnung zu schöpfen. Die Frau hatte die Augen wieder geöffnet. Das Meer hatte dagelegen wie ein großes müdes Tier. Sie hatte sich ihm genähert, mit bloßen Füßen, bis ihre Zehen es berührten. Das Wasser war kühl gewesen, aber sie hatte die Kühle nicht als unangenehm empfunden. Sie war im nassen Sand eingesunken. Ihre Fußsohlen hatten Eindrücke hinterlassen. Sie war gelaufen, so weit die Umarmung der Bucht am Meeressaum reichte, zwei, drei Kilometer und zurück. Sie lief noch immer. Der Strand hatte die ganze Zeit über beinahe verlassen dagelegen. Nur vereinzelte Jogger waren ihr begegnet. Die Hauptsaison hatte noch nicht begonnen. Die Schäfchenherden weißer Strandkörbe der Hotels und Apartmenthäuser warteten noch verschlafen entlang der Bucht auf den sommerlichen Ferienansturm.

Die Frau genoss es, den Strand an diesem Abend mit niemandem teilen zu müssen. Sie sog die salzige Seeluft in sich, den Anblick der umherstreifenden Möwen, lauschte deren Zurufen im Wind. Unweit ihres Ausgangspunktes, des Holzstegs hinauf zum Abschnitt der Strandpromenade an dem ihr Hotel angesiedelt war, ließ sie sich nach ihrer Wanderung in den Sand fallen. Sie fühlte sich erschöpft, aber wohl. Dicht vor ihren Füßen schlängelte sich die Borte weißen Wellenschaums den Strand entlang, zog sich zurück, drang wieder vor, wie von einem unsichtbaren Puls bewegt. Die Frau versenkte sich ins Spiel der Wellen. Sanft plätscherten sie ans Ufer. Unaufdringlich, fast schon mit einer gewissen Nachlässigkeit.

Die See war ruhig. Fast unheimlich ruhig. Als gäbe sie sich absichtlich einen unscheinbaren Anstrich. Die Augen der Frau tasteten die wandlungsfähige Haut des Wassers ab. Sie war dunkel und von kraftvoller Spannung. Als läge ein unendliches Geflecht elastischer Muskeln und Bänder unter ihrer Oberfläche. Der Blick der Frau fiel auf ihre Füße. Sie schienen dem Meer ähnlich. Die Fersen im Sand, streckten sie sich sehnig dem Wellensaum entgegen, sandüberzogen, mysteriöse Wesen, Schritt für Schritt den Wogen am Ufer entstiegen.

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Das Motiv der Undine in neuer Gestalt. Die Geschichte eines Burnouts, dreier Liebesbeziehungen und mehrerer sich überlagernder Realitäten.  
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Victoria Hohmann

lebt und arbeitet in Berlin. Studium der darstellenden Kunst in Ulm, Paris und Hamburg. Studium Kunstgeschichte (Deutschlandstipendiatin), Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Germanistik & Altertumswissenschaften an der Freien Universität Berlin. Die Autorin war an verschiedenen Theaterprojekten beteiligt, trat als Lyrik-Performerin auf, engagierte sich als Hilfswissenschaftlerin an der Forschungsstelle Entartete Kunst und schrieb kunstwissenschaftliche Artikel, bevor sie 2017 den VHV-Verlag für Literatur und Kultur in Berlin gründete. Seit 2017 Vorstellung von Texten bei Berliner Lesereihen sowie Lesungen, u.a. im Rahmen der Leipziger Buchmesse, bei 48h Neukölln, im Literaturhaus Berlin. Seit 2019 Zusammenarbeit mit dem Aktionstheater PAN.OPTIKUM: Auftragstext für das Sacre du Printemps Projekt, Text für das European Creative Lab. Victoria Hohmann ist verheiratet und hat eine Tochter. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit ist sie als bildende Künstlerin aktiv: victoriart.de

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