Schreie aus dem Lektorat – Teil 3

Gendergap bei Manuskriptangeboten – das gibt es?

Gibt es einen Unterschied wie Frauen und Männer sich mit ihren Manuskriptangeboten an einen Verlag wenden? Ja, tut es. Tatsächlich. Ich war nie davon ausgegangen. Hatte mir, ehrlich gesagt, auch nie darüber Gedanken gemacht. Ich kam auch bis zur Gründung meines eigenen Verlags überhaupt nicht auf die Idee, eine solche Frage überhaupt zu formulieren. Mittlerweile habe ich auf dem Gebiet allerdings erstaunliche Erfahrungen gesammelt – so erstaunliche, dass ich davon berichten möchte

Vorweg: Wie Frauen einen Verlag anschreiben? Ganz gewöhnlich. So wie man es wohl erwarten würde: sachlich, freundlich, manchmal auch recht vorsichtig. Das Verlagsprogramm wurde immer vorab gelesen (das verrät die Mail insgesamt oder es wird sich im Anschreiben darauf bezogen) alle Informationen und nötigen Anhänge sind vorhanden. Punkt.

Und Männer? Auch hier vorweg: Viele Anfragen gleichen denen von Autorinnen. Insgesamt zeugen die Anschreiben in der Regel von ausgeprägterer Selbstsicherheit und einem deutlicheren Selbstverständnis als Schriftsteller. (Aber das ist ja gewöhnlich, Frauen meinen ja sowieso oft sich für alles, was sie tun rechtfertigen zu müssen. Weil als Frau überhaupt berufstätig sein zu dürfen ja noch eine frische Angelegenheit ist.) Jedenfalls.

Immer wieder erreicht mich auch völlig Irritierendes von Männern. So schreibt mir beispielsweise ein Autor er wolle ein Buch in meinem Verlag veröffentlichen, die Gestaltung solle bitte sehr soundso aussehen und hier seien die beiden Texte (die insgesamt etwa 20 Seiten umfassen). Aha?! Ein anderer sendet nicht einmal eine Textprobe, sondern lässt mich nur wissen, er sei Autor und hier schicke er seine Kontaktdaten, bei Interesse könne ich mich ja melden. (Das alles in einer Zeile, nicht einmal eine Textformatierung des Anschreibens wurde vorgenommen.)

Ich habe auch schon ein (sogenanntes) Manuskriptangebot erhalten, das im Betreff mit (ich zitiere) „Untergang durch Feminismus“ angekündigt wurde. Es handelte sich hier selbstverständlich um ein extrem sachliches Sachbuch, das darüber hinaus natürlich perfekt auf das Verlagsprogramm zugeschnitten ist.

Manchmal frage ich mich tatsächlich, ob es Männer gibt, die nichts Besseres zu tun haben, als dumme/eitle E-Mails (das liegt ja häufig eng beieinander) an Verlage zu senden oder sich irgendwelche Fake-Anfragen auszudenken. Vielleicht sind Impertinenz und Idiotie aber auch einfach nur weiter verbreitet, als ich je zu befürchten wagte.

Und jetzt? Nein, dieser Beitrag soll nicht dazu dienen vor Manuskriptangeboten abzuschrecken – im Gegenteil. Ich bin mir sicher, dass es viele Autorinnen und Autoren gibt, die – von Selbstzweifel usw. geplagt – sich nicht so recht an die Öffentlichkeit und an Verlage herantrauen. Die meinen, sie müssten erst noch viel, viel, viel besser werden und den großen Wurf hinlegen, bevor. Alles beginnt. Oder so. Liebe Autor*innen da draußen, egal welchen Alters: Besser wird man ja sowieso nur durch regelmäßige Praxis, das wisst ihr doch. Und der große Wurf, sorry, aber mit diesem Phantom sollte man nicht ringen. Nur Mut! Glaubt mir, es gibt etliche engagierte Menschen in der Verlagsbranche, die nichts auf jene geben, die am lautesten schreiben und schreien und meinen, sie seien große Schreiberlinge – sondern für solche Fälle schlicht die Del-Taste übrighaben.

Tut etwas gegen den (Größen-)Wahnsinn. Danke.