Warum die? – Begründungen der Text- Autor*innenauswahl für die Anthologie (Teil 3)

Kerstin Meixner

Kerstin Meixner ist nicht nur eine Autorin, die sich auf geschliffene Schatelsätze versteht, durchwirkt von (humorvollen und bittersüßen) Hintergründigkeiten, sondern auch brillant das Konstruieren von Zusammenhängen beherrscht. Sie inszeniert Weltgeschehen in alltäglichen Schneekugeln – wie große Literatur das zu tun pflegt. Ich bin mir sicher, dass hier noch Beeindruckendes zu erwarten ist. Schon der Aufbau des Textes hat mich begeistert: Wie in lyrische(re)n Strömungen wird nummeriert, in Paragraphen aufgeteilt, in lexikalischer Manier von der Semantik des Wortes ausgegangen. Dazu die Schnee- bzw. Kleingartenkugel, in der sich eine irdische Miniatur, teils recht erdig, entfaltet – ich musste nicht überlegen.

 

Frank Neye

Ein Text im Sound einer Bubengeschichte. Pfiffig, auf eine angenehm-unterhaltsame Art altmodisch – ich fühlte mich ein wenig an Heinz Rühmann Filme erinnert – was ganz offensichtlich auch Sinn und Zweck verfolgt, da die Handlung in den 1930er Jahren angesiedelt ist. Mir ist Frank Neyes Geschichte eine willkommene Erweiterung des thematischen Spektrums, die politische Motivation und der ebensolche Hintergrund bereichern die Anthologie. Da ein Anliegen des Verlags die Publikation gesellschaftskritischer Texte ist, die sich nicht in Klischees und/oder populistische Ambitionen verrennen, habe ich mich ohne größere Umschweife für eine Aufnahme entschieden.

 

Ekaterina Vassileva

Diesen Romanauszug, obwohl ein solcher, in die Anthologie aufzunehmen, stand für mich sofort fest. Thematisch bringt er eine ganz neue Note mit in die Textsammlung (ich sage nur: Es lebe die Kunst!), sprachlich ist hier solch Virtuosität zu finden, besonders die Kraft der Bilder und der raffinierte Sinn für Humor haben es mir angetan, dass es schlicht ausgeschlossen war, ihn vorzuenthalten. Während des ersten Lesens, stellte sich mir wieder einmal die Frage: Russisch lernen? Diese Sprache scheint mir eine besonders schöne, eigentümlich-originelle Weise des Denkens zu bergen – denke ich manchmal. Der Text liegt in der Übersetzung von Maria Rajer vor. Und der Roman sicherlich in nicht zu ferner Zukunft in mindestens 30 Sprachen.

 

Stephan Weiner

Ein Autor in den Fußstapfen Kafkas. Zumindest war das mein erster Eindruck, bisher auch mein einziger, da ich (leider) nur diesen einen Text von Stephan Weiner kenne. In beklemmend-alptraumhafter Atmosphäre folgt man dem Protagonisten W. durch städtischen Winter – bzw. verfolgt ihn bzw. verfolgt seine Verfolgung bzw. verfolgt die Verfolgung seines Falls. Man ahnt: eine geradezu banale Geschichte. Wittgensteins „Tractatus“ liefert die Grundlage dazu. Diese Grundlage erhellt in der finsteren winterlichen Stimmung nicht nur die Namensgebung des Protagonisten bzw. könnte das tun (Herr W. – er teilt sich das W. auch mit dem Autor), sondern bildet Wittgensteins Thesen ab – was Tatsachen, Doppeldeutigkeit, sinnvolle und sinnlose Sätze anbelangt. Trotzdem ein Text, der nicht nur für versierte Liebhaber*innen zur Weisheit und/oder Wittgenstein-Kenner geeignet ist, er kann auch für sich stehen.