Seine Letzte

Dora Duncker

Ein Juliabend von drückender Schwüle. Ein grauer, schwerer Dunst lag über der Stadt. Um die Laternen und elektrischen Bogenlampen hatten sich braungraue Schichten gelegt, die unbeweglich wie Scheiben standen, von keinem Lufthauch bewegt. Träge schlichen die Menschen dahin, aus den durchglühten Wohn- und Schlafräumen in die Bierpaläste und engen Restaurationsgärten der Stadt, in die die hohen umgebenden Mauern kaum einen Lufthauch ließen. Nur auf der Friedrichstraße pulsierte so etwas wie Leben und Energie in dem auf und ab wogenden Menschenstrom, der jetzt um die zehnte Abendstunde zu einer undurchdringlichen Menge angestaut schien. Vorbei an den gaffenden Laffen und den umherlungernden geschminkten, zur Karikatur aufgeputzten Dämchen, zwischen dem eiligen und stetiger seines Wegs gehenden besseren Publikum drängte sich ein junges, schlankes, schlicht gekleidetes Mädchen. Ohne sich umzuschauen, eilte es durch die Menge, das hübsche Gesicht gerötet, das volle braune Haar von dem raschen Gang an den Schläfen und im Nacken gelockert. Unter der einfachen gestreiften Leinenbluse hob sich die junge zartgewölbte Brust bei dem eiligen Lauf. Rasch, durch eine schmale Lücke zwischen den elektrischen Wagen und den dahinjagenden Taxametern, überschritt sie die Leipzigerstraße und lief dann die Friedrichstraße weiter nach Süden hinauf. In die Schützenstraße bog sie linker Hand ein, um vor einem der ersten hochragenden Mietshäuser tief aufatmend stehen zu bleiben. Gott sei Dank, von der Jerusalemerkirche holte es gerade erst zum Zehnuhrschlag aus. Vor dem Torweg stand breitbeinig der Pförtner, den großen Hausschlüssel in der Hand. Beklommen drückte sich das Mädchen, rasch noch Einlass begehrend, an seine Seite.

»n’Abend, Herr Menke, bitte, ich möchte noch hinein.«

»Ach, Fräulein Wendemann«, machte der dicke, unförmliche Mensch gedehnt und sah spöttisch auf das junge, erhitzte, eilige Geschöpf. »So spät heute, Fräulein Wendemann? Hat wohl Überstunden jejeben in der Seisohn morte?«

Das Mädchen achtete nicht auf den höhnischen Ton des Alten.

»Ist Vater schon oben?« fragte sie gepresst.

»Ist schon wieder weg, der Herr Papa«, gab der Alte zurück, sich an dem Schreck des Mädchens weidend. Dann, mit dem dicken aufgequollenen Daumen nach rückwärts deutend:

»Sitzt da drüben bei Becker. Hat sich noch ’ne Weiße genehmigt, da Fräulein Tochter nicht zu ’s Abendbrot zu Hause kamen.«

Lieschen Wendemann machte eine Bewegung, als ob sie über den Damm hinüber in die bezeichnete Weißbierstube wollte. Dann besann sie sich rasch eines andern und drängte sich an Menke vorüber ins Haus. Der Dicke legte ihr die fleischige Hand auf die Schulter, sodass das Mädchen zusammenzuckte, und sagte mit schlecht verhehlter Bosheit, die nicht frei von Neid war:

»Na Lieseken, mir können Sie ’s doch sagen, wo Sie so lange jesteckt haben, bei der Lotte oder bei der Mieze? Bei Bankiers oder bei Fabrikantens auf die feine Villa? Ei weh, stolz können Sie sein auf die beiden Schwestern.«

Lieschen Wendemann machte sich mit einer raschen Bewegung von Menke los.

»Sie sollten sich was schämen, Herr Menke«, sagte sie halblaut zwischen den Zähnen, »immer wieder davon anzufangen, wo Sie doch wissen, dass Vater – «

»Ach wat, Vater, is nich da, und wenn schon – Vater is ’n – na, ich will nischt jesagt haben, bei Ihre Verjötterung für den ollen Mann – aber am End, ’n Express is doch keen Minister, und wenn seine Mächens wirklich – ! Mein Jott, man is nur eenmal jung und hübsch, und ich hätte janichts dajegen jehabt, wenn meine Alma jetzt zur linken Hand in ’ne Villa säße anstatt drei Treppen hoch in’ Keller legitim als Schustersfrau mit alle Jahr ’n Jöhr und nischt zu beißen und zu knacken – « Und dann, das Mädchen scharf aufs Korn nehmend:

»Na, und als Sie heute nich zum ersten Male so um zehnen statt um achten aus’t Jeschäfte kamen, da dacht ick mir, na nu is det Lieseken an die Reihe – «

Lieschen Wendemann war eine heiße Röte ins Gesicht gestiegen. Ohne dem weiter plappernden Menke auch nur noch ein Wort oder einen Blick zu gönnen, war sie durch die hintere Torwegtür in den dunklen Hof geschritten und eilte nun wie gehetzt die vier steilen Treppen zu der kleinen Hinterwohnung hinauf, in der sie mit dem Vater zwei enge Zimmer und eine Küche innehatte. Erschöpft warf sie sich auf den ersten besten Stuhl, an den sie in der dunkeln Wohnung stieß, und riss den Hut vom Kopf. Dann legte sie das heiße Gesicht in die kühleren Handflächen und saß so ein paar Augenblicke fast unbeweglich da. Das Blut hämmerte ihr in den Schläfen. Seine unregelmäßigen Schläge wiederholten mit erschreckender Deutlichkeit die Worte, die der Alte unten soeben gesprochen hatte: »Nu is det Lieseken an die Reihe.« Nein, nein, um Gottes willen, nein!

Das Mädchen sprang so heftig auf, dass der Stuhl, auf dem sie gesessen, jählings gegen die Tischkante schlug. »Nein, nein!« schrie sie jetzt laut heraus. »Das ist es nicht, das ist es nicht. – Wir lieben uns ja.«

Mit bebenden Fingern versuchte Lieschen Wendemann Licht zu machen. Die Dunkelheit war unerträglich. Die Stimme, die ihr im Ohr summte, das rebellische Blut mit seinen verräterischen Schlägen würden verstummen, sobald es hell um sie war. Und gleich musste ja auch der Vater kommen. Er legte sich niemals später als um elf Uhr schlafen, denn morgens um fünf Uhr musste er schon heraus und um sechs Uhr auf seinem Standplatz an der Friedrich- und Mohrenstraßenecke sein. Die Lampe war kaum angezündet, da hörte sie auch schon seinen schweren, tappenden Schritt auf der alten, knarrenden, ausgetretenen Treppe. Lieschen warf einen raschen, ängstlichen Blick in den Spiegel über der Kommode, auf die sie die Lampe gestellt hatte. Sie sah nicht mehr ganz so erhitzt aus als vor einer Viertelstunde, und das wirre lockre Haar war leicht zwischen die dicken braunen Flechten zurückgeschoben. Erleichtert seufzte sie auf. Dann, noch ehe der Vater den Schlüssel ins Schloss gesteckt hatte, öffnete sie, die Tür des erleuchteten Zimmers weit hinter sich offen lassend. Das sorgenvolle Gesicht des alternden Mannes glättete sich, als er das Mädel vor sich sah. Aus seiner, von unaufhörlichem Vorwärtstrotten vornübergeneigten Haltung, richtete er sich ein weniges auf, und die rot- lackierte Dienstmütze mit der Nummer 136 auf den Tisch legend, sagte er mit brummiger Zärtlichkeit:

»Na endlich bist du da, Kleine. Wo haste denn so lange gesteckt? Ist doch sonst nicht deine Art.«

Lieschen machte sich an dem Rockärmel des Vaters zu schaffen, der bestaubt und mit ein paar verspritzten Kotflecken bedeckt war.

»Kläre Müller, weißt du, Vater, das blonde Mädchen, das zugleich mit mir bei Wolpes eingetreten ist, quengelte so, ich sollte bei dem warmen Abend noch ein bisschen mit ihr an die Luft gehen. Sie wohnt nicht weit vom Geschäft, in der Bülowstraße, oben bei der Lutherkirche. Na, und da sind wir denn da auf der Bülowpromenade so lange auf und ab spaziert, und bis ich dann wieder in der Stadt war – «

Staub und Kotspritzen waren entfernt. Lieschen Wendemann konnte den Kopf wieder heben.

»So, so, ja na denn«, brummte der Alte, »ich hoffe, diese Müller ist ’ne ordentliche Person.«

»Ganz gewiss, Vater.«

»Na und morgen? Was willste den ganzen langen Sonntag anfangen, nu Onkel und Tante ins Bad sind?«

Lieschen hatte schon wieder einen neuen Fleck entdeckt.

»Lass man, lass, kannste morgen früh ausbürsten, wenn’s ordentlich trocken ist. Nee wahrhaftig, hätte dich morgen gern ein Stündchen ausgeführt – aber ’s sind viel Fremde hier – ’s Geschäft blüht, da möchte man sich auch nicht versäumen.«

»I, wo wirst du denn, Vater. – Um mich brauchst du dich nicht zu sorgen« – und Lieschen Wendemann sah jetzt mit ganz hellen Augen zu dem Alten auf.

»Morgens mach ich ’s Essen so weit zurecht, dann schneidere ich mir meine rosa Bluse fertig und dann geh ich auf’n Sprung Mutter besuchen. Die Blumen sind jetzt hübsch billig, da leg ich ihr einen Strauß Rosen aufs Grab. Dann mach ich uns rasch ’s Essen fertig. Du kommst doch so um zweien, Vater?«

»Wenn mich nicht jrade einer in die moderne Jejend bis in’ Jrunewald rausjagt. – Und nachmittags?«

»Ja dann, so gegen Abend nämlich, hab ich mich wieder mit Kläre Müller verabredet ...«

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Die junge Berlinerin Lieschen Wendemann ist verliebt. Nachbar Menke ahnt manches. Im Gegensatz zu Vati, der alleinerziehend als Bote schuftet, damit es seine Letzte mal besser hat. Natürlich kommt alles anders.
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Dora Duncker

geboren am 28.03.1855 in Berlin, gestorben am 09.10.1916 ebendort. Dora wird in eine Verlegerfamilie hineingeboren. Ihr Großvater publiziert u.a. Friedrich Hegel, Johann Wolfgang von Goethe und E.T.A. Hoffmann, ihr Vater u.a. Theodor Storm, Paul Heyse und Fanny Lewald. Ihr Onkel wiederum ist zeitweise Bürgermeister von Berlin. Von Hause aus macht Dora Bekanntschaft mit vielen Schreibenden. Mit Mitte Zwanzig beginnt ihre eigene schriftstellerische Karriere: Dora schreibt Romane, Schauspiele, Novellen, Erzählungen, Theaterkritiken, Essays, gibt ab 1886 über ein Jahrzehnt lang den Kinderkalender „Buntes Jahr“ heraus und ab 1895 die „Zeitfragen. Soziale und belletristische Monatshefte“. Mit Anfang 30 heiratet sie, lässt sich jedoch wenige Jahre später scheiden und lebt fortan als Alleinerziehende mit ihrer Tochter Eva. Mit 61 Jahren stirbt sie als bekannte Schriftstellerin, Redakteurin und Theaterkritikerin in Berlin.

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