Vor dem Erwachen

Lou Andreas-Salomé

Die Waggonfenster sind von der Januarkälte so beschlagen, dass man das Hereindämmern des Morgens kaum gewahr wird. Die Eisfiguren auf den Scheiben färben sich bläulich, und auf dem schmalen Gange, der in dem Waggon des Harmonikazuges an den Einzelcoupés entlangläuft, hört man von Zeit zu Zeit den kleinen Kellnerjungen mit klirrenden Tasten aus dem Küchenraume vorübereilen. Von den drei Insassen des Coupés erster Klasse hat nur die alte Dame ihre Morgentoilette schon beendet und sitzt, frisch gekämmt und gebürstet, stramm aufgerichtet da, während sie mit schlecht verhehltem Interesse das Paar ihr gegenüber beobachtet. Der Herr, der, gleich ihr, ausgestreckt gelegen, und, gleich ihr, keinen Schlummer gefunden hat, sucht die Schnallriemen der Reisedecke hervor und holt aus dem Netzwerk eine Krücke und einen Fellfußsack, wobei ihm sein steifes Bein sichtlich zu schaffen macht. Er ist halb gelähmt, und sie kommen aus dem Süden: so viel hat die alte Dame am Abend vorher den Worten der Tochter entnommen, die sich in der Fensterecke wie ein Knäuel zusammengerollt und in einer fast unmöglichen Lage, worin jeder sich den Hals verrenkt hätte, augenscheinlich vortrefflich geschlafen hat. Das intelligente Gesicht des Vaters, das angenehm und vornehm aus der Umrahmung ergrauenden Haupthaares und Bartes herausschaut, wird ganz Liebe und Güte, als er jetzt sanft die Schlummernde weckt: „Edith! Wir sind gleich in Büchen!“

Sie hebt ihre schlafroten Wangen vom Luftkissen, streckt sich, fröstelt, gähnt und lacht ihn an.

„Hast du geruht?“, fragt sie, und schält sich aus der großen getigerten Reisedecke, „— du, die Sachen da, die pack’ ich.“

„Du musst dich noch selber zurechtmachen“, bemerkt er, indem er ihr ein Necessaire mit Toilettenutensilien reicht, setzt sich aber doch hin und lasst die Sachen liegen, „die Wascheinrichtung ist ganz am Ende des Ganges.“

Sie schüttelt den Kopf und, ganz schlank und schmiegsam, bewegt sie sich gewandt im engen Raum und verschnürt die zwei großen Plaidbündel.

„Dort ist es gewiss schauerlich; begossen, verbraucht, eingeräuchert“, erwidert sie mit einem fragenden Blick auf die frisch gebürstete Dame. Diese nickt.

„Sie sind ja überdies für heute bald am Ziel Ihrer Reise. Lübeck?“, fragt sie ihrerseits.

„Ich, ja. Mein Mann fährt aber noch heute nach Hamburg weiter“, antwortet Edith.

Die Augen der alten Dame vergrößern sich unnatürlich und bleiben voll Staunen und Schreck an dem ungleichen Paar haften. Es ist gut, dass niemand Zeit hat, es zu beachten. Ehe noch Edith ihren Wintermantel umwerfen kann, hält der Zug, und draußen wird die Gangtür aufgerissen. Ihren Hut in der Hand, nur einen blauen Reiseschleier über den kurzgeschorenen dunkelblonden Krauskopf geknüpft, will sie hinaustreten. Eiskalt dringt die scharfe neblige Morgenluft durch den Gang herein. Da vertritt jemand die Tür. Ein hochgewachsener Mann im Pelz, mit schwarzen Augen, die von Lust und Laune sprühen, langt mit schnellem Griff nach dem Handgepäck.

„Heraus, meine Herrschaften! Büchen!“

„Hans Ebling! Wo in aller Welt kommen Sie her?“

„Ich fahre schon seit Hannover mit Ihnen; — schönen guten Morgen, Klaus Rönnies, — Frau Edith, machen Sie schnell!“

Die alte Dame muss sitzenbleiben. Sie fährt nach Hamburg durch. Aber die Augen schauen ihr aus dem Gesicht, als wollten sie noch um die Ecke sehen.

„Lieber Himmel! Der ihr Mann! Der Krüppel, den sie geleiten muss! Wie ist es möglich? Dies Kind, — wie alt kann sie sein? Achtzehn? Auch der andere ist längst zu alt für sie.“ Die drei überschreiten inzwischen den Bahnkörper und suchen sich Platz im Lübecker Lokalzug, wobei Klaus von den beiden anderen hereingeholfen wird.

„Wen haben Sie eigentlich in Lübeck, Bester?“, fragt Klaus Rönnies, der froh und angeregt aussieht; „ich habe nie gehört, dass Sie hier jemand aufsuchten.“

„— Wen?“ Hans Ebling wirft seinen weichen Filz ins Netz und fährt sich mit einer nervösen Bewegung durch das dichte Haar, in dessen Braun sich schon einzelne graue Fäden mischen; — „— ach so, ja, — einen alten Freund, — Studienfreund von ehemals, — Kunstgenossen. — Ja, wissen Sie, eines Tages also traf ich in Stuttgart in der Neckarstraße Ihren Verwalter und Intimus, der grade einen langen Brief von Ihnen gehabt hatte. So erfuhr ich von Ihrer Route.“

„Wie nett für dich, Edith! Meine Frau wollte sich gern in Lübeck eine Nacht ausruhen, ehe sie nach Hadersleben in den bewegten Verwandtenkreis kommt.

Unser Gepäck geht dorthin durch, während ich noch in Hamburg zu tun habe.“

„Wohin Sie nicht mitwollen?“, sagt Hans Ebling und sieht Edith froh an. „Wenn sie mitkäme, so müssten wir der dortigen Freunde und Bekannten halber länger bleiben, und wir sind reisemüde“, antwortet Klaus Rönnies für sie. „Wie geht es denn in Stuttgart Ihrer Frau?“, fragt Edith, und gähnt zum letzten Male.

Hans Ebling zieht die Brauen zusammen. „Danke.“

Klaus Rönnies fragt nicht; er weiß, dass der Freund, nach einem an Frauenliebe reichen Jugendleben, doch noch „hereingefallen“ ist.

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Eine Zugfahrt. Ein Halt. Ein Wiedersehen. Zwei ältere Männer, einer jungen Frau verfallen. Der männliche Blick auf das Lustobjekt, beschrieben von einer Frau. Ein Blick, der sich letztlich umkehrt.
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Lou Andreas-Salomé

geboren am 12.02.1861 in St. Petersburg, gestorben am 05.02.1937 in Göttingen, war eine deutsche Schriftstellerin und Psychoanalytikerin. Sie studiert in Zürich Theologie, Religionsgeschichte und Philosophie. Aufgrund eines Burnouts bricht sie ihre Studien ab und reist mit der Mutter nach Rom. Dort lernt sie im Umfeld der Schriftstellerin Malwida von Meysenbug und ihres Salons die Philosophen Friedrich Nietzsche und Paul Rée kennen. Beide machen ihr Heiratsanträge, die Lou ablehnt – sie wiederum schlägt eine platonische Dreierbeziehung vor, die wiederum Nietzsche und Rée zurückweisen. 1882 zieht sie trotzdem mit Rée in eine 2-er WG in Berlin. Lou finanziert sich ab da an selbständig durch das Schreiben von Romanen, Rezensionen, Kritiken, Essays. 1887 heiratet sie unter der Bedingung einer rein geistigen Beziehung den Iranisten Friedrich Carl Andreas, nachdem er vor ihr einen Selbstmordversuch durchgeführt hat. Die freundschaftliche Beziehung der beiden dauert bis zum Tod des späteren Göttinger Professors 1930. Im Jahr 1896 trifft Lou den noch unbekannten Rilke, sie verlieben sich. Es folgen gemeinsame Reisen nach Russland, er zieht für sie nach Berlin und ändert seinen Vornamen von René in Rainer. Die Liebesbeziehung der 35-Jährigen und des 21-Jährigen dauert 4 Jahre, danach bleiben sie sich freundschaftlich verbunden. Lou ist mit vielen Künstler*innen ihrer Zeit bekannt, eine gute Freundin in Berlin ist die Schriftstellerin Frieda von Bülow, ein wichtiger Einfluss der „Friedrichshagener Dichterkreis“. Trotz Freiheitsdrang und Selbständigkeit schließt Lou sich nicht der Frauenbewegung an, sondern ist von einem rückwärtsgewandten Frauenbild geprägt, das die Frauenrechtlerin Hedwig Dohm entsetzt in ihrer Schrift „Die Antifeministin“ behandelt, da es u.a. Frauen als dem Mann unterlegen und nicht zu einem eigenständigen Werk auf Augenhöhe fähig betrachtet. Die Self-fulfilling Prophecy wirkt. Genauso wie die damalige Psychoanalyse. Ab 1911 befasst Lou sich intensiv mit der Psychoanalyse, studiert ab 1912 bei Sigmund Freud, verkehrt zeitweise als einzige Frau in dessen engstem Kreis. Ab 1915 schreibt und arbeitet sie als Psychoanalytikerin in Göttingen. Der ständige Austausch mit Freud und Familie bleibt bis zu ihrem Tod 1937 bestehen. Lou stirbt versorgt von der 1933 adoptierten Maria Apel, Tochter ihrer einstigen Wirtschafterin. Kurz nach Lous Tod beschlagnahmt die Gestapo ihre Bibliothek.

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