Die milchfarbene Haut der Türen – Erzählungen

Jonas-Philipp Dallmann Erzählungen

Info

Der Autor erhält 2019 ein Werkstipendium des Deutschen Literaturfonds. 

Dein Finger streichelt die leere Seite, betastet das Nichts, suhlt sich im Schweigen. Ich lächle dir zu, einverständig. Man kann etwas an jemanden wenden, ohne dass er es begreift. Man kann Vorsorge treffen im Hinblick auf Unmöglichkeiten. Man kann Samen legen zu dem, was zum Verdorren bestimmt ist. Ich kaue die Bitterkeit, wälze sie von links nach rechts, spüre ein Ziehen im Rücken, atme aus. Noch ist nichts entschieden. Noch könnte dem Zögern der Aufbruch folgen.

(aus: Die milchfarbene Haut der Türen, in: Die milchfarbene Haut der Türen)

 

KLAPPENTEXT:

Ein Frühlingshasser, ungleiche Pennbrüder, kauzige Stadterforscher und eine Fahrt ins Graue. Protagonisten, die sich Stümper, Andernacht und Dünkel nennen – oder Tante Meta, bei der nicht nur ein merkwürdiger Mathematiker einzieht, sondern die als Erzählprinzip von Jonas-Philipp Dallmann gelten könnte. Die Schauplätze seiner Geschichten sind ins Surreale verrückt, Nebenwelten, gelegentlich bis ins Groteske überzeichnet, spiegeln darum umso unheimlicher unsere Welt. Scheinbar banale Gegebenheiten und Räume baut der Autor aus zu kafkaesken Verstiegenheiten, dabei stets mit einem Augenzwinkern auf die Szenerien blickend.

Unter Verwendung einer gelegentlich bis ins vorletzte Jahrhundert zurückreichenden Sprachpalette erschafft Jonas-Philipp Dallmann ein Raritätenkabinett von Erzählungen. Die Lesereise gleicht zuweilen einer Geisterbahnfahrt mit labyrinthischen Auswüchsen, auch Ecken und Kanten, hinter denen die Ungereimtheiten unserer Existenz mit teils schmerzhafter Präzision in den Fokus gerückt werden.

Den Erzählungen ist ein humoristisches Glossar angehängt.

282 Seiten, Taschenbuch, 20 Texte, 21 Trennseiten mit schwarz-weißen Grafiken.

ISBN  978-3-9818621-6-4
Erscheinungstermin: 3.Juni 2019

 

 

Hier geht es zum Autoreninterview auf unserem Verlagsblog.

Und hier zu einem Porträt des Autors im Berliner Tagesspiegel.

 

WEITERE TEXTAUSZÜGE:

Merk auf, Eck, sagte meine Mutter immer, und gleich glitten meine Gedanken dann fort, einem Zaunkönig hinterher oder an einem Speicheltropfen entlang, den ich für diesen Zweck auf den Tisch gesetzt hatte. Wenn sie dann zuschlug, mein Ohr gellte vor Schmerz und mein Arm zurückprügeln wollte einen Augenblick lang, wusste ich wieder einmal, dass diese Welt nicht der rechte Ort war für mich.

(aus: Im Sparwald, in: Die milchfarbene Haut der Türen)

 

Nur vage und in Bildern, die wie durch einen schwefelgelben Stich gezeichnet scheinen, erinnere ich mich an meinen letzten Besuch in der Elften Stadt. Er führte mich zu Bor, der, wie es seinem Rang innerhalb des Planungsstabes entsprach, das Gipfelgeschoss in einem der Osstürme bewohnte, die auf den inneren Gartenring blicken. Achtzehn Stunden hatte mich der Aeroplan über Ebenen, Wälder und Vernichtungsplätze getragen, als er mit einem Einschwingen der Tragflächen seine Füße auf die Terrasse setzte.

(aus: Bor oder die Elfte Stadt, in: Die milchfarbene Haut der Türen)

 

Grenzstadt. Wie das schon klingt. Als wäre das, was hier geschieht, nicht mehr wichtig, gehöre es schon zur anderen Seite. Der wir unser Ohr leihen, so viel gebe ich zu. Die andere Seite lockt, wirrt, gurrt. Viele verfallen ihr. Doch noch halte ich stand. Noch bin ich der Letzten Stadt treu, hänge ihren Reizen an. Viel bietet sie nicht, manche stößt sie ab. Widerständig muss man sein in ihr, so viel habe ich inzwischen gelernt, widerständig und halsbrecherisch, erfahren im Guten wie im Bösen.

(aus: Die Letzte Stadt, in: Die milchfarbene Haut der Türen)

 

Die Fabriken! Hinter hohen Zäunen sollten sie aufragen, hinter weitem, grünem Rasen, hell, lang, mit gestreckten Fenstern, die aussehen würden wie die Barten eines Wals, gestaffelt, schmal, unzählige Pfeiler hintereinander, eine Reihung, ein Kumult. Und die Zäune davor, Drahtzäune, nein, Zäune mit Stäben, wären ebenso senkrecht und dünn und aufragend, vielleicht sogar vergoldete Spitzen oben an dem, was man die Zaunkrone nennt, wenn es dafür überhaupt einen Namen gibt, aber es gibt ja Namen für alles.

(aus: Die Fabriken, in: Die milchfarbene Haut der Türen)

 

„Zeitalter kommen und gehen, und jedes hat seine Atmosphäre, seinen Geruch, seinen Geschmack. Dieses hier riecht nach Öl und Schweiß, es schmeckt nach Brot und Bier, und es riecht nach Staub und Kohle. Seine Farbe ist der Glanz des Messings, und sein Klang ist das Prasseln des Goldes in den Kassen der Industriebarone, die seine Herren waren. Unbarmherzig war es, dieses Zeitalter, niederträchtig und grausam, aber auch weich und genusssüchtig. Die duftenden Seifen und Öle aus Paris, die schweren Stoffe aus der Rue de Sèvres, der betörende Glanz der Theater und der Wohlklang der Oper: All dies sollte die Dunkelheit, die in den Kellern und Fabriken über den Armen lastete, vergessen machen. Aber noch Bedeutsameres geschah, noch Wichtigeres! Kommen Sie! Sie sollen alles sehen, alles!“

(aus: Mütel, in: Die milchfarbene Haut der Türen)